"Beziehungen" und "Freundschaften"

Monogamie bedeutet, nur einen Menschen lieben und allein ihm nahe sein zu dürfen. Das gilt für einen selbst und auch für alle anderen, womit sich bereits hier eine Frage aufdrängt: Wie liebevoll kann eine solche Gesellschaft sein? Wie liebevoll kann eine Gesellschaft sein, in der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit auf einen Menschen beschränkt sein sollen? Was heißt das für unser ganz alltägliches Zusammenleben? Um diese Fragen soll es in diesem Text gehen.

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, in „Beziehungen“ und „Freundschaften“ zu unterscheiden. Den Unterschied macht dabei ihrer Meinung nach „die Liebe“, doch was ist überhaupt „Liebe“? Ich denke, dass Liebe letztlich nur die gesteigerte Sympathie und Zuneigung ist, die ich auch „Freund_innen“ gegenüber empfinde, und damit ist sie nicht mehr klar zu definieren. Es gibt natürlich Abstufungen, weil ich Menschen durchaus unterschiedlich gern hab, aber ich könnte nicht sagen: „Hier beginnt Liebe.“ Und genau genommen soll es darum im Grunde ja auch gar nicht gehen, denn wo in monogamen Beziehungen einmal von Liebe gesprochen wird, darf alles andere überhaupt nicht mehr Liebe sein.

Da Liebe weder genau zu definieren, noch sichtbar ist, lässt sich über sie nur sehr schwer eine Exklusivität herstellen, die für monogame „Beziehungen“ ja notwendig ist. Jene Exklusivität wird viel mehr darüber erreicht, dass es nur einen Menschen geben soll, mit dem man kuschelt, den man küsst, mit dem man schläft. Dass man selbst der einzige Mensch ist, mit dem der andere diese Körperlichkeit teilt, soll gleichbedeutend damit sein, dass man auch der einzige Mensch ist, der von ihm geliebt wird.*** Denn wer einen Menschen wirklich liebe, „brauche“ ja keine anderen, und Liebe sei ja, wenn „Treue“ Spaß mache. Dass eine „Beziehung“ absolut wundervoll sein kann und man sich vielleicht trotzdem noch zu einem anderen Menschen hingezogen fühlt, weil man den eben auch toll findet, scheint hierbei niemand in Betracht zu ziehen.

So oder so, es soll also nur einen Menschen geben, den man liebt und dem man körperlich nahe ist. Und genau deshalb werden „Beziehungen“ in Abgrenzung zu „Freundschaften“ auch körperlich definiert, während „Freundschaften“ platonisch und weniger intensiv sein sollen. Ein Verhältnis, das als ein „freundschaftliches“ definiert wurde, wird in der Regel schon deshalb keine oder nur geringe körperliche Nähe beinhalten, um einer „Beziehung“ ja nicht zu sehr zu ähneln und so ihre Exklusivität infrage zu stellen.

Wenn ich in diesem Zusammenhang davon spreche, „Freundschaften“ würden kaum körperliche Nähe beinhalten (dürfen), geht es mir dabei keineswegs primär um Sexualität, auch wenn die natürlich auch ihre Berechtigung hat. Aber vor allem denke ich an die Einsamkeit, die in dieser Gesellschaft wohl die meisten Menschen empfinden. All die Menschen, die keine (Zweier)Beziehung führen (wollen), bleiben ausgenommen von Zärtlichkeit und Wärme, da der einzige Ort, an dem Geborgenheit möglich sein soll, ja die monogame Zweierbeziehung ist. Millionen Menschen da draußen sehnen sich danach, mal in den Arm genommen zu werden (94% der „Singles“ / Quelle), mal nicht allein einzuschlafen (78% der „Singles“), dass sich auch mal jemand bei ihnen anlehnt. Und das geschieht nicht etwa deshalb nicht, weil diese Menschen alle liebensunwert sind, sondern weil mit ihnen niemand eine Zweierbeziehung führt, ohne die Nähe ja nicht oder nur selten stattfindet.

Und ganz ehrlich, da ist die Frage erlaubt, wie gut wir unsere „Freund_innen“ eigentlich kennen und wie wir mit ihnen umgehen. Wenn 94% der „Singles“* von niemandem einfach so mal in den Arm genommen werden, obwohl es dazu nur zwei Arme und etwas Zuneigung braucht, kann unser Umgang miteinander so liebevoll nicht sein. Doch er darf es ja eben auch gar nicht, weil das ja gegen die Exklusivität einer „Beziehung“ verstieße. Wo Monogamie ist, müssen „Freundschaften“ platonisch bleiben, (auch) aus der Monogamie folgt die soziale Kälte.** Selbst für jene, die vielleicht eine Zweierbeziehung eingegangen sind, denn auch sie sind betroffen von der allgegenwärtigen Distanz allen anderen Menschen gegenüber. Sich in Form einer monogamen Beziehung an einen Menschen zu binden, heißt letztlich auch, sich von allen anderen zu trennen.

Doch ebenso wenig, wie es dabei vorgesehen ist, dass „Freundschaften“ auch körperliche Nähe einschließen, ist es vorgesehen, dass man in „Beziehungen“ beispielsweise keinen Sex miteinander hat. Wer ihn (länger) nicht möchte, wird deshalb in den meisten Fällen Gefahr laufen, verlassen zu werden. In der Ehe gilt Sex nach wie vor als „eheliche Pflicht“ und es ist gar nicht lange her, dass damit auch Vergewaltigungen in der Ehe gerechtfertigt wurden und straflos blieben. Was sich mittlerweile zum Glück geändert hat, aber nach wie vor gilt Sex als Pflichtbeitrag zur ehelichen Gemeinschaft, nur dass er heute nicht mehr eingeklagt werden kann.

Es geht also nicht darum, was zwei Menschen eigentlich miteinander möchten, sondern darum, was ihre Kategorie ihnen vorschreibt. Natürlich soll niemand angehalten sein, entgegen seiner Bedürfnisse die Nähe eines anderen zu suchen, aber die Frage, was denn eigentlich die eigenen Bedürfnisse sind, ist so ja gar nicht erst vorgesehen. Wenn ich eine „Beziehung“ eingehe, soll ich den anderen Menschen lieben, ich soll mit ihm schlafen, kuscheln, knutschen und Händchen halten. Schließlich bin ich für ihn dann ja der einzige Mensch, mit dem das alles überhaupt möglich ist; ich allein soll in diesem Moment für die Befriedigung seiner Bedürfnisse zuständig sein. Und wenn ich keine „Beziehung“ mit ihm eingehe, ich also „nur mit ihm befreundet“ bin, darf ich ihn nicht lieben, darf ich nicht mit ihm schlafen, nicht kuscheln, nicht knutschen, nicht Händchen halten. Weil das ja dann dem Menschen vorbehalten sein soll, der mit ihm „zusammen“ ist/kommen soll. Kurz: Ich muss alles wollen oder gar nichts, mich für oder gegen ein Gesamtpaket entscheiden. Anstatt also zwischenmenschliche Beziehungen, die so vielseitig sein könnten, individuell anhand konkreter Bedürfnisse zu gestalten, verstauen wir sie in vordefinierten Schubladen („Freundschaft“, „Beziehung“), auf denen steht, welche Bedürfnisse in ihnen Platz finden (müssen) und welche nicht. Und das machen wir nicht grundlos, sondern weil Monogamie nur so funktioniert.

Ich würde mir wünschen, Menschen wären tatsächlich frei, einander unvoreingenommen begegnen zu können: Es müsste nichts, aber es dürfte alles sein. Wir würden gemeinsam schauen, was wir miteinander möchten, würden vielleicht ein wenig experimentieren, Gemeinsamkeiten entdecken und Unterschiede. Es wäre selbstverständlich für uns, uns Gedanken zu machen darüber, was wir eigentlich genau mit einem anderen Menschen möchten und wir könnten Menschen und ihre Bedürfnisse so akzeptieren wie sie sind, und würden nicht mehr versuchen, sie an unsere Idealvorstellungen von „Beziehungen“ und „Freundschaften“ anzupassen, weil es uns schlicht egal wäre, wie wir das Ganze nennen. Es wäre nicht mehr von Bedeutung, weil wir uns für das, was ist, niemandem gegenüber mehr rechtfertigen müssten. Und beschreiben ließen sich unsere zwischenmenschlichen Beziehungen anhand konkreter Bedürfnisse und Gemeinsamkeiten weit treffender als über jene Kategorien, die nur einengend und missverständlich sein können.

Ich lehne jene Kontaktkategorien ab, weil ich der Meinung bin, dass sie uns an einem schöneren und liebevolleren Umgang miteinander hindern. Und ich lehne die Monogamie ab, weil sie ohne diese Kategorien nicht auskommt.

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* „Single“ ist ein Mensch dann, wenn er in keiner „Beziehung“ ist. Wenn aber nicht mehr eindeutig definiert werden kann, was „Beziehungen“ und „Freundschaften“ sein sollen, wird auch die Kategorie der „Singles“ sinnlos. Über die Frage zu streiten, ab wann man kein Single mehr ist (mit jemandem kuscheln? Verliebtheit? Sex? Küssen? etc.) wäre unnütz mühselig.

** Ich will an dieser Stelle explizit vor einem Idealismus warnen. Im Kapitalismus stehen Menschen in Konkurrenz zueinander und wo es Konkurrenz gibt, wo ich also nur gewinnen kann, wenn jemand anderes verliert, da ist ein wahrhaft solidarischer Umgang miteinander ausgeschlossen. Was nicht heißt, dass nicht auch in dieser Gesellschaft ein liebevolleres Miteinander dadurch erreicht werden kann, dass man sich von der Exklusivität verabschiedet, aber dem sind Grenzen gesetzt und (unter anderem) deshalb darf es dabei nicht bleiben. Wer in einer Welt leben möchte, in der die Menschen achtsamer miteinander umgehen, müsste also vor allem das Konkurrenzprinzip abschaffen. Mal ganz davon abgesehen, dass es auch noch genug andere gute Gründe gibt, hier so einiges über den Haufen zu werfen und anders zu organisieren.
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Ein wenig in Anschluss an den Blogeintrag: Nähe und Erwachsensein

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***Nachträgliche Notiz: Vielleicht ist dieser Abschnitt zu idealistisch gedacht. Das Ideal romantischer Liebe kann natürlich genauso gut auch eine Reaktion auf die körperliche Exklusivität sein und den Versuch darstellen, diese körperliche Exklusivität theoretisch zu begründen. Die bürgerliche Kleinfamilie als Ort der Reproduktion entsprach den spezifischen Anforderungen an das Private zu Beginn der Industrialisierung (Verelendung, „soziale Frage“) und entstand ja auch erst mit dieser. Auch die kulturgeschlichtlichen Epoche der Romantik setzte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch, wobei sie direkt auf die gesellschaftlichen Umbrüche und die Auflösung vertrauter Strukturen während der Industrialisierung reagierte. Liebe und Sehnsucht (nach einer Idylle) waren dabei ihre wohl bedeutendsten Motive. So gedacht brachten also die gesellschaftlichen Verhältnisse erst die Kleinfamilie und damit verbunden dann die Idee romantischer Liebe hervor. Demnach würde also nicht die körperliche Exklusivität und das Leben in der Kleinfamilie die romantische Liebe begründen, die dem vorausgeht, sondern es wäre genau anders herum: Der romantischen Liebe würde die Aufgabe zukommen, die Kleinfamilie als quasi natürliche zu legitimieren. Vermutlich trifft aber beides wechselseitig zu, wobei die Idee romantischer Liebe sich auch verselbstständigt hat. So werden Beziehungen, die lediglich sexuell offen sind, ja ausschließlich über die Exklusivität von „Liebe“ definiert. An meiner Kritik der romantischen Liebe und ihrer Kontaktkategorisierung ändert das alles zwar nichts, aber es wirft mit einer höheren Dringlichkeit die Frage auf, inwieweit im Kapitalismus ein liebevollerer Umgang miteinander überhaupt möglich ist. Dazu schrieb ich ja bereits in meiner zweiten Anmerkung zum Eintrag etwas.

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2 Gedanken zu “"Beziehungen" und "Freundschaften"

  1. Hallo =)
    Ich finde diesen Artikel sehr interessant und vor allen Dingen sind deine Ideen bzw. Vorstellungen sehr gut durchdacht (soweit dies überhaupt möglich ist) und argumentiert.
    Allerdings stellt sich mir schon ein bisschen die Frage, ob die Monogamie wirklich immer einen „Zwang“ darstellt. Ich selbst kenne genug Paare, bei denen die Partner nicht den Wunsch oder das Bedürfnis haben, mit anderen z.B. Sex zu haben, bzw. sich auch nicht in andere Menschen verlieben.

    Ich weiß, das sind jetzt ganz konkrete Beispiele, aber ich denke mir, jeder Mensch ist anders und für manche ist eine exklusive „Beziehung“ eben genau das Richtige. Oder selbst wenn nicht per definitione das, dann zumindest das ZusammenLeben nach vorher ausgemachten Regeln.

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  2. Hallo,

    habe gerade diese Seite gefunden und möchte meine Zustimmung ausdrücken. Die Welt wäre ein schönerer Ort, wenn nicht so viele das Bedürfnis hätten, zwischen diesen zwei unsinnigen Schubladen so klare Grenzen zu ziehen.

    Ich stehe mit dem Thema Polyamorie noch ziemlich am Anfang. Ich habe im Moment für mich entschieden, alle meine Beziehungen als Freundschaften zu bezeichnen, aber den Freundschaftsbegriff so zu erweitern dass dort auch eine viel größere (auch körperliche) Nähe als üblich dazugehören darf. Die Nicht-Exklusivität und Ehrlichkeit, die der Freundschaft auch im konventionellen Bild schon innewohnt, hat mir wohl den Ausschag dafür gegeben.

    Liebe Grüße,
    Amelie

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